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Der Konstruktivismus

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  • Beitrag zuletzt geändert am:23. April 2023
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Der Konstruktivismus ist eine Strömung aus der Erkenntnistheorie und entwickelte sich hauptsächlich in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. In fast allen Varianten des Konstruktivismus wird davon ausgegangen, dass ein Gegenstand durch die Betrachtung eines Beobachters konstruiert wird.

Der Konstruktivismus hat verschiedene Ausprägungen und unterschiedliche Modelle. Diese sind unter anderem der radikale, der Erlangener, der relationale Konstruktivismus und viele weitere mehr. Im folgenden wird der radikale und Erlangener Konstruktivismus vorgestellt und die Bedeutung im Coaching erklärt.

Varianten des Konstruktivismus

Im radikalen Konstruktivismus wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit selbst konstruiert. Somit besitzen Menschen nicht die Fähigkeit eine objektive, allgemeingültige Realität zu erkennen. Die individuelle Realität ist immer eine Kombination aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung also dem, was der Betrachter sieht und seinen früheren Erfahrungen. Aus diesem Grund ist die wahrgenommene Realität für jeden Betrachter niemals dieselbe. Für den einen Menschen ist das sprichwörtliche Glas halbvoll und für den anderen halbleer.

In der folgenden Abbildung sehen beide Betrachter einen Baum. Für den einen Betrachter ist es allerdings ein blätterloser Baum für den zweiten Betrachter hingegen eine Tanne. Die Wirklichkeit dessen, was die zwei Beobachter gesehen haben, unterscheidet sich voneinander. Ihre Konstruktion weicht darüber hinaus auch von der objektiven Realität ab.

Der radikale Konstruktivismus

Der Erlangener Konstruktivismus unterscheidet sich vom radikalen Konstruktivismus dadurch, dass es möglich ist ein gemeinsames Verständnis der Realität zu entwickeln. Dies geschieht durch Sprache und Wissen. Durch den Erlangener Konstruktivismus ist jedoch nicht geklärt, ob dieser Konsens der Realität auch unabhängig von der Konstruktion wirklich existiert oder nicht.

In der nachstehenden Abbildung wird derselbe Baum betrachtet. Durch den Einsatz von Sprache konnten sich die zwei Beobachter bereits auf ein gemeinsames Bild der Realität verständigen, welches für die zwei Beobachter als Realität verstanden wird – Sie haben sprachlich „gekoppelt“ und verfügen nun über ein gemeinsames Verständnis der Realität. Für weitere Beobachter, die nicht an dem Gespräch beteiligt waren, kann sich jedoch eine andere Realität konstruieren.

Der Erlangener Konstruktivismus

Der innere Film

Wir wissen also nun, dass jeder Mensch seine Umwelt individuell und subjektiv wahrnimmt, interpretiert und bewertet. Daraus konstruieren wir Menschen dann unsere eigene Realität. Aus diesen inneren Bildern kann Wirklichkeit entweder durch Dialog oder durch Tun entstehen. Sollten sich die zwei Beobachter niemals begegnen ist es für ihre Realität völlig irrelevant, ob der eine Beobachter einen kahlen Baum und der andere eine Tanne wahrgenommen hat. Erst in der sprachlichen Interaktion oder dem Handeln treffen die unterschiedlichen Realitäten aufeinander und müssen abgeglichen werden. Die zwei Betrachter müssen koppeln. Das heißt sobald Menschen aufeinander angewiesen sind müssen sie sich auf eine, für alle Beteiligten gleichermaßen annehmbare, Wirklichkeit einigen.

Unsere eigene Realität können wir auch unsere innere Landkarte nennen. Diese steht für unsere eigenen Sichtweisen, welche sich aus persönlichen Erfahrungen, Werten und Glaubenssätzen ergibt. Sie hilft uns dabei in unserer Umwelt zu navigieren und dem was wir erfahren eine Bedeutung zu geben.

Die folgende Abbildung zeigt den inneren Film, der sich in uns abspielt wenn wir auf unsere Umwelt reagieren. Unser eigenes Verhalten hat einen Einfluss auf die Umwelt, genauso wie Verhalten von anderen Einfluss auf uns hat. Das erfahrene Verhalten erhält durch unsere Innere Landkarte eine Bedeutung. Die Schritte der Inneren Landkarte und der Bedeutungsgebung laufen gedanklich ab. Im nächsten Schritt kommen die Gefühle ins Spiel welche unsere Reaktion beeinflusst.

Das Bild zeigt den Zusammenhang zwischen der Interaktion mit der Umwelt, der inneren Landkarte, der Bedeutungsgebung und der Gefühle. Systemisches Coaching in Filderstadt-Bernhausen für berufliche und private Veränderungen, Führungskräfteentwicklung und Stress

Bedeutung des Konstruktivismus für das Coaching

Durch Worte können wir diese Landkarte ausdrücken oder die damit verbundenen Vorstellungen und Bedeutungen erfragen. In zwischenmenschlichen Beziehungen ist es also wichtig häufig, diese inneren Landkarten abzugleichen und diese mit dem Gegenüber zu koppeln. Koppeln heißt in diesem Fall ein Verständnis für die innere Landkarte des Gegenübers zu entwickeln und auch sprachliche möglichst große Schnittmengen zu erreichen. Geschieht dies nicht und die Gesprächspartner kennen nur die eigene innere Landkarte, ohne einen Abgleich geschaffen zu haben, kann es zu Missverständnissen und Störungen in der Kommunikation kommen.

Häufig ist es im Coaching Prozess wichtig, Menschen dabei zu unterstützen diesen Abgleich der Landkarten zu initiieren. Sie somit für die innere Wirklichkeit des gegenüber zu sensibilisieren. Dies kann beispielsweise durch zirkuläre Fragen oder Unterbrechung von Mustern geschehen.

Das folgende Beispiel soll einen Anwendungsfall für einen Coaching-Prozess beschreiben.

Der Chef grüßt mich nicht

Ein Coachee kommt zum Coaching um an der Beziehung zu ihrem Chef zu arbeiten. Als Indiz dafür, dass ihr Chef sie nicht leiden kann, führt sie an, dass er nie auf dem Gang grüßt und auch sonst nicht mit ihr Smalltalk hält. Aus Sicht der Coachee ergibt sich daraus eine konstruierte Realität, in der der Chef ihr die kalte Schulter zeigt und den Kontakt vermeidet. Jede weitere Handlung des Chefs wird mit dieser inneren Wirklichkeit bewertet. Wenn der Chef eine kritische Rückfrage stellt oder einen Antrag nicht genehmigt, wird dies durch die konstruierte Realität begründet und verstärkt das Verhalten des Coachee.

Die Sicht des Chefs kennen wir meistens im Coachingprozess nicht (außer eventuell in Team-Coachings). Wir können aber mit der Coachee Lösungsansätze und Strategien entwickeln, um die beschriebene Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dies kann helfen in der Zukunft anders zu handeln. Eine beispielhafte Realität des Chefs könnte sein, dass er viel zu tun hat und schon wieder zu spät für den nächsten Termin ist.

Im Prozess helfen zirkuläre Fragen, um eine Vorstellung davon zu bekommen warum sich der Chef verhält, wie er sich verhält.

Coach: „Was glauben Sie denkt der Coach über Sie?“

Coachee: „Ich glaube er mag mich nicht“

Coach: „Gibt es noch andere Erklärungsmöglichkeiten für sein Verhalten?

Coachee: „Vielleicht ist er schlecht gelaunt oder im Stress.“

Ein anderer Ansatz wäre die Arbeit mit Verhaltensmustern.

Im Prozess wird eine spezielle Situation, in der sich der Chef wie beschrieben verhalten hat, genauer angeschaut. Mit dem Coachee wird analysiert ob bestimmte Verhaltensweisen regelmäßig auftreten. Diese Muster können unterbrochen werden indem alternative Reaktionen des Coachees entwickelt werden. Diese Musterunterbrechungen können ebenfalls hilfreich für den Coachee sein um für sich weitere Handlungsoptionen zu entwickeln und zu testen, wie der Chef darauf reagiert.

Haben Sie Erfahrung mit dem Konstruktivismus oder interessieren sich für das Thema? Gerne können Sie mir einen Kommentar hinterlassen oder mich persönlich kontaktieren.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Jo

    Ist das Ziel beim Coaching das konkrete Verändern der Landkarte oder geht es um einen generellen Umgang/Sensibilisierung?
    Ist das Coaching erfolgreich, wenn sich für den Coachee die Beziehung zum Chef entspannt hat?

    1. janikchro

      Danke Jo für deinen Kommentar.
      Der Coaching Erfolg ist immer vom Coachee definiert. Für den einen wäre das Coaching erfolgreich, wenn sich tatsächlich die Beziehung entspannt, hat für den anderen kann es beispielsweise auch das Verständnis sein, dass das Verhalten des Chefs nichts mit ihm selbst zu tun haben muss. Also die Fähigkeit die Situation differenzierter zu betrachten.
      Die innere Landkarte lässt sich natürlich nicht so einfach verändern. Sie würde sich aber über Zeit ändern, wenn wir ähnliche Situationen anderes erfahren können. Hierbei hilft sicherlich die Sensibilisierung für die Lebensrealität der Mitmenschen.

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